Befreiung zum Leben
Rudolf Lütticken

Vita

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Dezember 2015
Konfessionsfreier Seelsorger, ehemaliger Benediktinermönch (1959-2015) und Priester


Mein Leben

Am 20.04.1938 als zweites von sieben Kindern in Kleve geboren, wuchs ich nach dem Krieg in Wittlich und Bitburg auf, wo ich 1956 das Abitur machte. Auch wenn der Entschluss, einer religiösen Berufung zu folgen, bereits feststand, entschloss ich mich zunächst zu einem einjährigen Studium generale am Leibniz-Kolleg in Tübingen. Am Collegium Canisianum in Innsbruck begann ich sodann das Theologiestudium.

Mit 20 Jahren trat ich in die benediktinische Mönchsgemeinschaft der Abtei St. Matthias in Trier ein und setzte das Studium an der dortigen Theologischen Fakultät fort. Nach der Priesterweihe und dem Erwerb des Lizentiates der Theologie verbrachte ich vier Jahre zum Studium anglikanischer Theologie und anglikanisch / römisch-katholischer Kontroversfragen in Oxford (England).

Im Auftrag der Abtei übernahm ich sodann ökumenische Aufgaben im Bereich des anglikanisch / römisch-katholischen Dialogs, zur Kontaktpflege mit evangelischen Kommunitäten im Westen und Osten Deutschlands (insbesondere beim Aufbau des ökumenischen Netzwerkes Christophorus) sowie als Ökumenereferent des Bistums Trier. In den siebziger Jahren engagierte ich mich intensiv in den Aufgaben der Internationalen ökumenischen Gemeinschaft (IEF), deren Deutsche Region ich von 1973 bis 1977 leitete. Etwa drei Jahrzehnte wirkte ich als Seelsorger in der Pfarrei des Klosters sowie im Klinikum Mutterhaus in Trier (Schwerpunkt Palliativstation).

In der Kommunität prägte ich insbesondere als Kantor sowie durch die Komposition deutscher Gesänge für die Liturgie das gemeinsame Leben mit; in der letzten Zeit war ich als Magister für die Begleitung und Ausbildung neuer Brüder zuständig

Nach 55 Jahren kam ich zu der Überzeugung, dass eine weitere Bindung an die Mönchsgemeinschaft meine Suche nach der inneren Wahrheit meines Lebens und die Lösung aus unfreien seelischen Bindungen nicht unterstützen, sondern blockieren würde. Ich entschloss mich nicht nur zum Austritt aus dem Orden, sondern im Zusammenhang damit auch zum Austritt aus der römisch-katholischen Kirche, deren rechtlich-institutionelle Gestalt ich nicht mittragen kann, weil sie für meine Sicht im Widerspruch zur heilenden und befreienden Botschaft des Evangeliums steht.

Diesen doppelten Austritt verstehe ich als persönliche Konsequenz aus dem, was ich über die Jahrzehnte seit dem 2. Vatikanischen Konzil als Ökumeniker und Seelsorger vertreten und in Predigten verkündet hatte: dass die Botschaft Jesu jeden Menschen in seine innere Wahrheit und Freiheit ruft und dadurch öffnet für das immer neue Wunder des Lebens. Gemeinsam mit Ligia, die mir durch ihr Unterscheidungsvermögen bei meinen Klärungsprozessen eine wesentliche Hilfe war, will ich auch in der verbleibenden Zeit meines Lebens für diese Überzeugung eintreten. Gerne möchte ich suchenden Menschen zur Seite stehen, die nach dem für sie anstehenden Schritt in die Freiheit fragen.

Mein gegenwärtiges Leben ist freilich geprägt von der fortschreitenden Krebserkrankung, die zu Beginn dieses Jahres diagnostiziert wurde und der ärztlicherseits keine Heilungschancen eingeräumt werden. Dankbar bin ich, dass ich mich seit September dieses Jahres mit Ligia durch das eheliche JA-Wort verbunden weiß und den vor mir liegenden Weg in dieser liebenden Verbundenheit gehen darf.

Darum wird ein Mensch Vater und Mutter verlassen und seiner Frau anhängen, und es werden die zwei ein Fleisch sein" - so dass sie nicht mehr zwei sind, sondern ein Fleisch? Was nun Gott zusammengefügt hat, soll der Mensch nicht scheiden. Mat.19

Siehe auch Zu meinem Weg, insbesondere Schreiben an Freunde und Verwandte und Der Adler.


Weitere Einblicke

Als Kind wollte er Maler werden. Zeichnen war fraglos sein größte Begabung (siehe Bild Atemnot, das er mit der linken Hand im Rahmen einer gestalttherapeutischen Intervention mit mir gemacht hat, oder eine ältere Zeichnung aus den Jahren im Kloster - Die Wahrheit), gefolgt von Musik, die seine Leidenschaft wurde: "Musik ist halbes Leben!".

Mit 16 hatte er erstmal die Idee (nicht den Wunsch!), Priester zu werden. Zwei Jahre später, am schrieb er:

11.11.1956: Mein Herr ich bin so ganz ganz verworfen. Alles an mir ist hin und her durcheinander, weggeworfen. Herr heile mich. Füge zusammen. Herr eine mich, schmilze mich mild in deinen Strahlen zu deinem Lobes liede. Herr, ich bin so allein, lass mich nicht alleine. Amen. ...

Sprich dein Wort zu mir! Töte mich, triff mich endlich mit deinem Wort! Lieber Gott, vernichte mich doch endlich! Wie lange wartete ich schon deiner! Gott, ich streife umher und suche. Überall das Wort und meines niergends. Ein Wort und das Wunder ist geschehen: ich bin eins mit dir. Ich weiss, schneidend wird er mir mitten in die Brust brennen und in Todesfurchts werde ich zagen. Aber Herr höre: Dein soll das alles, jetzt schon alles sein. Ich will dann gerne sterben vor dir... .

... Lass mich offen sein für das Wort, dass ich es höre, aufnehme und befolge.
Christus! Du bist nach dem Worte des Herrnin den Tod gegangen! Hilf mir! Hilf mir, Christus! Bruder! Amen. HIlf, Herr!

16.12.1956: Ich bin schlecht. Mein Geist ist einer der schwächsten. Kann ich kleiner sein, als ich es bin?... Ich kann es nicht glauben! Aber ich bin schlecht! Einer der schlechtesten! Wie schlecht ist meine Trimesterarbeit, wie schall die unvollkommene gähnend hohle Darstellung. Oh Gott, es quällt mich doch.Aber ich muss verzichten. Ich muss lernen, mich nicht mehr so ernst zu nehmen. Ich bin nicht so wichtig. Ich bin ja schlecht.... Ich will Gutes tun bis zur Auflösung. Gott, löse mich auf!

23.02.1957: Nichts will ich, Herr, nimmm mich. Ah, wo sind unsere Kräfte?...In Deine Hände lege ich meine Schlüssel, wie eine Marionette sollst du mich spielen. ... Du bist der neue Mensch, der Erlöste. Herr spanne uns an das Kreuz, fülle uns an und aus zum Überlaufen mit Leid: Du bist der Weg....Herr vergib meiner so schwer greifenden, tief spaltenden Unvollkommenheit.... Herr kann ich mich in Deinem Kreuz und Leide schlafen legen?... Vergib Herr, nimm mich, Herr, erbarme Dich meiner, blind, lahm, taub, was vermag ich in diesem Gefängnis. Herr lass mich schlafen. Amen.

Er wurde dennoch ins Kloster aufgenommen. Nach Eintritt in St. Matthias wurde seine musikalische Begabung auffällig. Als ein Dritter - kein Konventmitglied - suggerierte, dass Musikstudium gewiss seiner Berufung entspräche, sagte sein gleichartiger - jedoch sehr dominanter - Bruder und späterer Abt ohne jegliche Basis oder Vorgespräch: "Darauf hat er bereits verzichtet."

Es gab für ihn keine Alternative mehr zum Theologiestudium.

Nach Abschluss des Theologiestudiums in Trier - die Kriegswunden waren noch frisch in seinem Herzen - fühlte er sich nicht reif genug für Priesterweihe und Seelsorge, und wünschte sich zunächst einen Einsatz in einer praktischen Tätigkeit, z.B. der Krankenpflege. Die Abtei brauchte jedoch Priester:

Mein persönlicher Wunsch wäre gewesen, das Studium in 1967 als Diplom-Theologe abzuschliessen; für die Priesterweihe und einen Einsatz in der Seelsorge fühlte ich mich noch nicht reif. So wünschte ich mir zunächst einen Einsatz in einer praktischen Tätigkeit, z.B. der Krankenpflege. Doch der Abt bestand darauf, dass ich als Priester gebraucht werde, dass ich daher unverzüglich die Priesterweihe empfangen und das Studium danach mit dem Ziel einer Promotion fortsetzen solle.

In der Folgezeit plante die Abtei - in Antwort auf das 2. Vatikanische Konzil - die Gründung eines Anglikanischen Instituts, wofür externe Mittel und die Anerkennung der deutschen Bischöfe erforderlich waren. Als erster Schritt wurden drei Brüder der Abtei nach Oxford geschickt, wo ich als Research Student immatrikuliert wurde.

In Oxford hat er vier semester lang zum Thema Die anglikanisch/römisch-katholische Kontroverse über die Unfehlbarkeit des Papstes im 17. Jahrhundert in öffentlich nicht verfügbaren Literatur des 17. Jahrhunderts in der dortigen Bibliothek geforscht. Er wurde in eine vergeistigte Welt geschickt, die seinem Wunsch nach Bodenständigkeit völlig entgegenlief. Mit fatalen Konsequenzen für seine Gesundheit.

In einem privaten Interview beschrieb er die damaligen Zustände in St. Matthias: Hilfe und wirkliche geistliche Fürsoge bekam er nicht. Sein Tagebuch, insbesondere die Gewissensforschung während der Exerzitien in Januar 1958 in St. Matthias ist ein einziger Hilfeschrei - unerhört geblieben. Darin spricht er explizit auch über sein Narzismus und seine Essstörung, beide nie behandelt und quasi ein Leben lang andauernd - bis Sommer 2016 (s. Essays: Krebs - meine Verankerung in Wirklichkeit). Nach der Beichte am 27. September 1958 sagte der P.v.Harff (?): "Nimm deine Sündchen nicht wo ernst... ." und liess ihn allein in seiner Not, wo er eigentlich dringend einen Therapeuten gebraucht hätte.

Die jungen Mönche wurden sich selbst überlassen und schwelgten in diletantischer enthusiastischer Experimentierfreude. Rudolf lebte in einer Spaltung: Auf der einer Seite ging er auf in eine übersteigerte Märtyre Rolle, die ihn überforderte und seinen Narzismus nährte - er wollte was besonderes sein, auf der anderen Seite lebte er voll das, was bei der Beichte "Sündchen" geannt wurde.

Einige Mönche sind schon früh abgesprungen und rieten ihm eindringlich, es ebenfalls zu tun. Mitt 77 Jahren sah er ein, das sie Recht hatten. Psychologisch gesehen werden Gruppen als Mütter erlebt. Wegen seiner starken Mutterbindung (s. Die Angst vor der Angst) war Rudolf leichtes Opfer für manipulative oder selbstbezogene Gruppenführer (und Frauen).

Oder wir haben in der Gemeinschaft - als wir die Vierer Gruppe waren, die Vierer-Bande: A, A, P und ich - wir haben Eucharistie gefeiert, so wie in einer Katakombe.

Später wurde daraus Resignation, Hoffnungslosigkeit und Verbitterung. Jeder mag für sich die Frage beantworten, ob dies nur für den Bruder Johannes zutrifft.

St. Matthias ist nicht auf einmal gestorben. Der Prozess des Absterbens nach dem dynamischen Aufbruch um 1970 herum hat in meinen Augen seine Grund darin, dass ihm keine weiteren, entsprechenden Aufbrüche gefolgt sind. So erwuchs aus einem Neuanfang in Freude ein Weg, der geprägt war vom Bemühen um Wahrung und Optimierung des Bestehenden. Unter der Decke des optimierten (und von den Präsides der Kongregation von Visitation zu Visitation hochgelobten) Bestandes wucherten ungesteuert die faulen Kompromisse. Der Weg von Bruder Bernhard in dieser Gemeinschaft verdankt sich ihrer Unfähigkeit, ihre Lebenswirklichkeit aus der Dynamik der geistlichen Entschiedenheit heraus zu klären. - aus der email an Ansgar am 7 Juni 2015.

Der Kapuzinerpater und Psychotherapeut Guide Kreppold beschreibt solche Gruppenprozesse in seinem Buch Nachfolge (S. 76) wie folgt:

"Bei der Entwicklung von spirituellen und politischen Gruppen hat sich Folgendes herausgestellt: Je höher die verfolgten Ziele sind .... desto stärker ist auch der Druck auf den Einzelnen. Viele mussten einsehen, dass ihnen das einst begeistert übernommene Ideal fremd geworden ist... . Man fühlt eine innere Erlahmung, oft auch Auflehnung gegen die übernommene Verpflichtungen, man sucht andere, meist oberflächige Bedürfnisbefriedigungen, um sich irgendwie zu arrangieren. Sehr häufig bleiben vom grossen Ideal trotz äußerlich durchgehaltene Treue nur Erstarrung und Ideenlosigkeit."

Siehe auch Schreiben an Athanasius vom 7.06.2015.

Im Mattheiser Brief 2017-07 veröffentlichen die Mönche aus Trier eine Art Nachruf. Darin geht es viel um deren narzistische Kränkung und wenig um das Leid, die Entfremdung und die Einsamkeit, die das Leben von Rudolf jahrzehntelang in St. Matthias geprägt haben.

Und auch kein Wort über die gemeinschafltich betriebene Täuschung, über die Mit-Verantwortung - insbesondere der Äbte, aber auch der Mitbrüder -, ihn in einem Leben festzuhalten und zu bestättigen (zum Beispiel die Verweigerung, ihn in Camaldoli oder auf Huysburg einen Neuanfang machen zu lassen; oder alle Trennungsgespräche mit dem Seniorat bis zuletzt in Januar 2016), in dem - nach seinen Worten - es an Selbstverantwortung gefehlt hat.

Die Ignoranz ist der eigentliche Gewaltakt des Bösen. Rudolf Lütticken

Dass es auch anders geht, zeigt das Internationale Theologische Kolleg Canisianum - Insbruck , wo Rudolf in 1957 seine theologische Ausbildung angefangen hatte: Im Beileidsschreiben wurde ich auch um einen Nachruf gebeten, der im Korrespondenzblatt Juli 2017 erschien. Es freut mich sehr, dass das Jesuitische Kolleg Rudolf Achtung und Wetschätzung für sein ganzes Leben bezeugt hat.



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Rudolf Lütticken Ligia Lütticken

Wer Gott liebt, hat keine Religion außer Gott - Rumi


An ihren Früchten werdet ihr sie erkennen - Mt 7,16


Was sagt ihr zu mir: Herr! Herr!, und tut nicht, was ich euch sage? - Lk 6,46


"Darum wird ein Mensch Vater und Mutter verlassen und seiner Frau anhängen, und es werden die zwei ein Fleisch sein"

- so dass sie nicht mehr zwei sind, sondern ein Fleisch?

Was nun Gott zusammengefügt hat, soll der Mensch nicht scheiden. - Mat.19


Um leben zu können, muss ich sterben können;
Um sterben zu können, muss ich leben können.

Solange ich vor der Angst fliehe, finde ich nicht den Weg ins Vertrauen

Es gibt nur zwei modi des Seins: Angst oder Liebe

Die Liebe erweist sich dadurch als Liebe, dass sie die Angst erkennt und beim Namen nennt

Solange ich angesichts des Unabänderlichen keine andere Alternative sehe als 'Biegen oder Brechen', unterliege ich dem Zwang. Wenn ich mich in Einsicht dem Unabänderlichen beuge, bin ich selbstbestimmt und frei.

Religiöse Überlieferung gründet auf Behauptung, authentische Spiritualität auf der Gabe der Unterscheidung.

An Jesus glauben heißt: alles Leben im Licht seiner Botschaft sehen.

Die Botschaft Jesu liegt nicht in der Bedeutung seiner Worte, sondern in ihrer Kraft.

Wer an Jesus glaubt, hält sich an ihm nicht fest: er weiß sich gehalten.

Die christliche Form der Erleuchtung ist die Gewissheit der Auferstehung


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